Komik und so.
Komik und so.

An dieser Stelle gibt's in loser Reihenfolge frisches Textwerk und Gutes vom Vortag. Zum Ausschneiden, Sammeln und Liebhaben.

 

Zwei Dinkel-Hinkel, bitte: Trendnamen-Terror

 

Du weißt, dass du älter wirst, wenn du dich von einem Brötchen provoziert fühlst. Neulich beim Bäcker habe ich regelrecht die Contenance verloren. Da ich nicht in Kallis Kinderland war, konnte ich leider nicht zum Info-Schalter gehen und ausrufen lassen „Die kleine Contenance möchte bitte im Bällchenbad abgeholt werden!“

Ich betrat eine neu eröffnete Filiale einer Backwarenkette, wo man drei Orangen auf die Theke stellt und das Ganze als Erlebnisgastronomie verkauft, und äußerte nichtsahnend den Satz: „Ich hätte gerne fünf normale und zwei von den Körnerbrötchen“. Daraufhin guckte mich die Hefeschnecke hinter dem Tresen mit einem „Wie heißt das Zauberwort?“- Blick an, den man sonst nur einer Teilnehmerin in „Mein Kind Dein Kind – wie erziehst du denn“ zutrauen würde, deren Wayne-Garth gerade den Wunsch nach 18 Pfund Schokoladeneis geäußert hat.

Naiv, wie ich war,  wartete ich ab, dass die zuverlässige Aushilfskraft, wie das heute so üblich ist, sich mit einem lasziven Flitschen ihre Latexeinmalhandschuhe überstülpt und mir devot die Bestellung in die Tüte wirft. Aber nein. Mein in astreinem Hochdeutsch artikulierter Wunsch konnte offenbar nicht einwandfrei zugeordnet werden.

„Welche?“ raunte die Dame singsangartig zurück, „Die Weizen-Wichtel, die Sesam-Seppel oder die Rocken-Racker?“

Wer jetzt schon nicht mehr mitkommt, dem möchte ich den genauen Tathergang noch einmal bildlich vor Augen führen: Neben den normalen kinderpopoförmigen goldgelben Modellen befanden sich die gleichen rundlich geformten Backwaren, aber mit jeweils 3 Körnern draufgedröselt. Wie sollte ich als Normalsterbliche, die nie eine 10-minütige Sortimentseinweisung von einem 19-jährigen Filialleiter erhalten hatte, auch nur erahnen, dass jene einem geheimen ausgeklügelten Klassifizierungssystem folgen?

„Na, die da!“ erklärte ich, die genauso aussehen wie die anderen, aber mit einem Löffel Vogelfutter drauf. Der  Blick der Verkaufskraft sagte daraufhin folgendes:  „Okay, du willst ein Spiel spielen? Ich spiele mit!“, die verbale Umsetzung dieses Gedankens lautete: „Die Müsli-Männer? Oder die kleinen, hier, die Hafer-Hutzel?“

Jetzt  mal unter uns: Welches Pudding-Hirn denkt sich diese Namen aus?

Jetzt weiß ich auch, warum Bäcker so früh aufstehen! Die müssen noch vor Sonnenaufgang mindestens 17 neue bekloppte Brötchensorten kreiert haben! „Schau mal hier, Georg, meiner sieht aus wie ein Körner-Kerlchen!“ –„ Jau, Winfried,   guck mal, meiner sieht aus wie eine Chia-Mia! -  „Gisela, schreibt das doch mal vorne auf die Tafel!“ Die gehen bestimmt weg wie warme Dinkel-Winkel!“

„Welche … hätten Sie denn jetzt gerne?“ schnappte die inzwischen in angepissten Andrea-Nahles-Modus übergegangene Vollkornfresse in meine Richtung.

„DAS DA!“ rief ich und zeigte einfach auf den Brotkorb, während ich mir die Ohren zuhielt, weil ich gar nicht wissen wollte, auf welchen bekloppten Namen es hörte.

„Ach, die Hippe Schrippe. Na, dann ham wa’s ja“

„Nein“, sagte ich, „haben wir nicht“.

„Bevor ich ein Brötchen konsumiere, das auf den Namen Hippe Schrippe hört, da rufe ich lieber dreimal laut VOLDEMORT! VOLDEMORT! VOLDEMORT!!“, ließ ich kampfeslustig verlauten und stampfte rumpelstilzchenesque drei Mal auf den Boden.

 „Numachensemahinne ich wollt heut aunoma drankommen“,  hörte ich alsbald eine Stimme aus jenem undefinierbaren Menschenknäuel, das inzwischen bis zur Drogerie nebenan wucherte. Aber jetzt war ich in Fahrt. Es ging hier nicht nur ums Brötchenkaufen, schon lange nicht mehr.

Ich legte also einen investigativen Marietta-Slomka-Blick auf und wollte unüberhörbar wissen „Was ist denn da drin?“

„Wie, drin?“

„Ja in dem Bauern-Brödli. Gluten-Bohème, Glutamat-Imitat oder Analogkäseersatz? Ich muss das schon genauer wissen. Ich bin nämlich allergisch.“

„Aha?“

„Ja, gegen Weizenkleber, Hirse-Zwirbel und Spuren von Straußeneiern.“

„Ja, da muss ich mal in der Zutatenliste nachschauen,“, verriet sie mir mit einem Augenaufschlag, den ich ansonsten nur von dem Satz kenne „Aber gerne wiege ich die Weintrauben noch mal für Sie aus. Einzeln!“. Betont unsanft hievte sie einen Leitz-Ordner aus der mehlumwölkten Schublade, in dem rund 8 Gigabite Kleingedrucktes in Klarsichtfolien abgeheftet war, das seit der Entführung von Dr. Oetker wohl kein menschliches Auge zu sehen bekommen hatte.

„Also, wenn Sie ganz sicher gehen wollen, dann nehmen Sie unsere Meisterbrötchen.  Alles aus kbA und ohne Zusatzstoffe“ säuselte sie, während sie den Staub von den Ringbucheinlagen pustete.

„Wieso Meisterbrötchen?“, fragte ich tonlos zurück, „Heißt das, die anderen sind gar nicht vom Bäckermeister gemacht worden? Dann müssten alle anderen ja Gesellenbrötchen heißen!“

„He, Sie Korinthenkacker, geht datt heute noch weiter, ich wollte eigentlich vor dem Morgengrauen wieder zuhause sein“, hörte ich eine Stimme aus der Schlange, die mittlerweile die Stadtgrenze zu Hattingen erreicht hatte, woraufhin ich aus der Backstube hinter der Theke glaubte, den Satz gehört zu haben  „Korinthenkacker sind aus!“.

Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie bekam ich auf einmal Mitleid mit dem jungen Ding, das bei der Berufsberatung sicher nur angekreuzt hatte „Ich kann mir vorstellen, dass ich gut darin bin, Backwaren zu verkaufen“, weil es nicht wusste, wie man „Influencer“ schreibt.

„Okay, ich hab’s mir anders überlegt“, sagte ich versöhnlich. „Ich nehme zwei Dreikorn-Dinger und vier Rosinen-Trinen.

„Macht 5,34“ tönte sie schon fast wieder freundlich.

„Was?“ erwiderte ich ungeduldig.

„Wie, was?“

„Na, 5,34 was? Andorranische Pesete, Brunai-Dollar oder Guernsey-Pfund?“

Ich weiß nicht genau, wie ich den darauffolgenden Gesichtsausdruck beschreiben soll. Aber eines ist sicher: Sprachforscher werden sicher in einigen hundert Jahren rekonstruieren, dass der Ausdruck „Dumm wie Brot“ an einem Donnerstagabend in einer Bäckerei in Bochum-Linden das erste Mal urkundlich erwähnt wurde.

 

 Sabine Bode 2018

Foto: #fotografollihaas

 

 

 

 

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© Sabine Bode